Einleitung
Anja Pohl druckte die verdächtige E-Mail aus, obwohl ihr Enkel darüber lachte. Auf Papier sah sie, was sie am Bildschirm überlesen hatte: falsche Anrede, seltsamer Link, ein Ton, der zugleich freundlich und drängend war. Am meisten störte sie die eigene Scham.
In Graz leitet Anja heute Kurse für ältere Menschen, die KI verstehen wollen, ohne sich wie Gäste in einer fremden Sprache zu fühlen. Ihre Tafeln sind manchmal ordentlicher als die Antworten der Modelle.
Geschichte des Weges in die KI
Nach fast einem Berufsleben im Unterricht dachte Anja, sie könne Lernen gut einschätzen. Trotzdem fühlte sie sich am Anfang langsam. Viele Erklärvideos sprangen von Begriff zu Begriff, als müssten alle schon wissen, was ein Prompt ist. Die Beispiele handelten von Start-ups, nicht von Rentenbriefen, Reiseplanung oder Enkeltrick-Nachrichten.
Anja entwickelte eigene Lernkarten. Auf einer Seite stand eine Frage an ein Sprachmodell, auf der anderen die Prüfung: Welche Angaben fehlen? Welche Quelle wäre besser? Wo klingt der Text zu überzeugt? Einmal ließ sie eine Reisewarnung erklären; das Modell fasste gut zusammen, übersah aber das Datum. Seitdem gehört der Kalender zu jeder Übung. Ihre ersten Kurse waren tastend. Manche Teilnehmende wollten ein Orakel, andere sahen nur Betrug. Anja ließ beide Gruppen denselben Fehler finden.
Aktuelle Arbeit
Heute arbeitet sie mit Nachbarschaftszentren und Bildungsträgern. In einer Übung erzeugt die Gruppe eine gefälschte Paketnachricht, lässt sie von einem Sprachmodell analysieren und markiert danach selbst die Warnsignale. Der wichtigste Moment kommt oft später, wenn jemand sagt: „Ich hätte vorher sofort geklickt.“
Anja verspricht keine digitale Souveränität nach einem Nachmittag. Sie misst Fortschritt anders: mehr Rückfragen, weniger Scham, ein Anruf bei einer vertrauten Person, bevor sensible Daten geteilt werden. KI ist in ihren Kursen weder Feind noch Freund. Sie ist ein Werkzeug, das man langsam genug bedienen muss.
Persönlicher Rat
„Man ist nicht zu alt für KI, aber viele Kurse sind zu schnell für Menschen“, sagt Anja. Ihr Rat an Lehrende ist einfach: weniger Folien, mehr echte Fälle. Wer die Angst nicht ernst nimmt, unterrichtet an den Leuten vorbei.
Schlüsselfakten
Alter und Ort: 69, Graz.
Hintergrund: Ruhestand, Unterrichtserfahrung, Schutz vor Betrug.
Einstieg in KI: Kursmodul zu KI, Alltagsfragen und Betrugswarnungen.
Schwerpunkt heute: KI-Kompetenz für ältere Menschen.
Typische Werkzeuge: Sprachmodelle, Sicherheitsübungen, Lernkarten.
Werkstattnotiz
Anjas Prüfmappe enthält eine E-Mail, die fast echt aussieht. Das Modell erkannte mehrere Warnzeichen, verpasste aber eine unplausible Uhrzeit im Absenderfeld. Genau diesen Fall nutzt sie weiter. Er zeigt, wie ein brauchbarer Hinweis und ein gefährlicher blinder Fleck im selben Antwortkasten stehen können.