Johanna Seidl, 61, Hausfrau, Pflegende und Moderatorin für KI-Ethik

Einleitung

Um 2:17 Uhr piepte die Pflege-App und schlug Bewegung vor. Johannas Mann schlief schlecht, die Schmerznotiz vom Abend stand im System, nur passte sie offenbar nicht zur Empfehlung. Johanna starrte auf den Bildschirm und fragte sich: Wer hat entschieden, dass diese Meldung jetzt hilfreich ist?

Johanna Seidl lebt in Linz, hat viele Jahre Angehörigenpflege geleistet und moderiert heute Gespräche über KI im Pflegealltag. Sie kommt nicht mit abstrakten Prinzipien. Sie kommt mit Fällen, Uhrzeiten und Sätzen, die in einer Küche gefallen sind.

Geschichte des Weges in die KI

Am Anfang stand Erleichterung. Digitale Erinnerungen, Kalender, Hinweise: All das konnte helfen, wenn Tage aus Medikamenten, Terminen und Erschöpfung bestehen. Dann kamen die Zweifel. Manche Systeme fragten zu viel ab, erklärten zu wenig oder behandelten Angehörige wie stille Dateneingeber.

Johanna besuchte Onlinekurse, las Leitfäden und sammelte Beispiele aus Selbsthilfegruppen. In Fachrunden fühlte sie sich zunächst fehl am Platz; dort wurde über Care-Arbeit gesprochen, als sei sie eine Randbedingung. Ihr erstes eigenes Format war ein Gesprächsabend, bei dem Angehörige Pflege-Apps nicht bewerteten wie Produkte, sondern wie Eingriffe in Beziehungen: Was entlastet? Was überwacht? Wer kann widersprechen?

Aktuelle Arbeit

Heute moderiert Johanna Bürgerdialoge und unterstützt lokale Initiativen bei der Auswahl digitaler Werkzeuge. Bei einem Erinnerungssystem bestand sie darauf, dass Betroffene selbst festlegen, welche Hinweise automatisch kommen und welche nur Angehörige oder Pflegekräfte geben dürfen.

Ihre Arbeit verändert selten ein ganzes System auf einmal. Aber Fragenlisten, Eskalationsregeln und verständliche Einwilligungen tauchen inzwischen früher in Projekten auf. Johanna hält die Grenze klar: KI kann Pflege organisieren helfen; Nähe, Trost und Verantwortung lassen sich nicht als Funktion einkaufen.

Persönlicher Rat

„Frag immer, wer bequemer leben soll: die gepflegte Person, die Angehörigen oder der Anbieter“, sagt Johanna. Erst diese Frage macht sichtbar, ob eine Anwendung wirklich entlastet oder nur Arbeit verschiebt.

Schlüsselfakten

Alter und Ort: 61, Linz.
Hintergrund: Angehörigenpflege, Hausarbeit, später Wiedereinstieg.
Einstieg in KI: Gesprächsformate zur Bewertung von Pflege-Apps und Assistenzsystemen.
Schwerpunkt heute: KI-Ethik in Care-Arbeit und Alltag.
Typische Werkzeuge: Ethik-Checklisten, Fallanalyse, Bürgerdialoge.

Werkstattnotiz

Johanna notiert Pflegefälle nicht anonym glatt, sondern mit Reibung: Nacht, Müdigkeit, falsch getimter Hinweis, fehlende Telefonnummer. Sie arbeitet daran, solche Details in Beschaffungsgespräche zu bringen. Noch offen ist, wie man die Stimme der Betroffenen festhält, wenn sie an schlechten Tagen gar nicht an Workshops teilnehmen können.