Einleitung
In der Probe sagte eine Schauspielerin: „Das klingt, als hätte ein sehr höflicher Praktikant den Konflikt weggeräumt.“ Auf dem Tisch lag ein KI-generierter Dialog, sauber gebaut, ohne Risiko, ohne Atem. Karim Nerz lachte erst, dann strich er fast die ganze Seite.
Karim lebt in Berlin und arbeitet als Theatermacher und KI-Dramaturg. Er nutzt Sprachmodelle im Probenraum, aber selten für fertige Sätze. Ihn interessieren Brüche, falsche Glättungen und die Frage, was Maschinen über unsere Erzählgewohnheiten verraten.
Geschichte des Weges in die KI
Karim kam aus der freien Szene: kleine Bühnen, wechselnde Honorare, viel Improvisation. Als Sprachmodelle auftauchten, testete er Dialogvarianten und war zunächst enttäuscht. Die Texte hatten Tempo, aber kaum Widerspruch. Figuren verziehen einander zu schnell. Konflikte wurden erklärt, statt ausgehalten.
In der Theaterszene traf er auf Misstrauen. Manche sahen KI als Diebstahl an Autorinnen, andere wollten sie als billige Ideenmaschine einsetzen. Karim suchte einen anderen Gebrauch. Er lernte Prompt-Experimente, Grundlagen zu Urheberrecht und dokumentierte, wann das Modell eine Szene bändigt. Sein erstes Projekt war eine Bühnenarbeit, in der KI-Vorschläge live zerlegt wurden: Schauspieler lasen die glatte Version und spielten anschließend, was darin fehlte. Einmal erfand das Modell eine Versöhnung, obwohl die Figur noch keinen Grund hatte, weniger wütend zu sein. Genau diese Leerstelle wurde zur stärksten Szene.
Aktuelle Arbeit
Heute entwickelt Karim Formate für Ensembles, die KI als Sparringspartner einsetzen. In Proben lässt er Modelle Zusammenfassungen, Gegenargumente oder falsche Alternativen liefern. Danach entscheiden Menschen, was brauchbar, gefährlich oder schlicht langweilig ist. Bei einem Stück über Wohnungslosigkeit strich er alle automatisch erzeugten „poetischen“ Monologe, weil sie zu schön klangen und die Härte verdeckten.
Sein Erfolg ist schwer zu messen, aber sichtbar: Produktionen sprechen offener über Autorschaft, Rechte und maschinelle Glättung. Karim hält die Grenze klar. KI darf Material liefern, aber keine Verantwortung für Stimmen übernehmen, die sie nicht lebt.
Persönlicher Rat
„Die Maschine darf den Tisch decken, aber der Streit muss von uns kommen“, sagt Karim. Wer KI kreativ nutzt, sollte nicht nur nach neuen Varianten suchen. Manchmal zeigt das glatte Ergebnis erst, wo die menschliche Arbeit beginnt.
Schlüsselfakten
Alter und Ort: 35, Berlin.
Hintergrund: Freie Theaterszene, prekäre Arbeit, dramaturgische Praxis.
Einstieg in KI: Bühnenarbeit mit live dekonstruierten KI-Textvorschlägen.
Schwerpunkt heute: KI als Probenwerkzeug und Thema kultureller Verantwortung.
Typische Werkzeuge: Sprachmodelle, Improvisation, Rechteklärung.
Werkstattnotiz
Karim archiviert KI-Sätze, die zu gut funktionieren. Sie sind glatt, anschlussfähig, sofort spielbar und deshalb verdächtig. In einem Ordner heißt die Rubrik „zu schnelle Versöhnungen“. Dort landen Szenen, in denen das Modell Schmerz in Dramaturgie verwandelt, bevor eine Figur überhaupt widersprechen durfte.