Einleitung
Maren Lucht zog einen Brief aus einem Schuhkarton, der nach Keller, Staub und altem Papier roch. Die Tinte war an einer Stelle ausgelaufen, und das Wort darunter konnte „Hafen“ heißen oder „Hagen“. Die automatische Texterkennung entschied sich sofort. Maren glaubte ihr nicht.
In Lübeck hilft sie heute Heimatvereinen und Familienarchiven, alte Dokumente mit KI vorzubereiten. Sie arbeitet langsam, mit Lupe, Bleistift und einer gesunden Abneigung gegen allzu glatte Transkriptionen.
Geschichte des Weges in die KI
Maren betrieb Familienforschung lange als Hobby. Kirchenbücher, Register, Briefe, Fotos ohne Datum: Sie mochte die Geduld, die solche Quellen verlangen. Ein KI-Werkzeug für Handschriften brachte sie weiter, aber es machte auch reizvolle Fehler. Alte Ortsnamen wurden modernisiert, ein Familienname verlor einen Buchstaben, und aus einer Abkürzung wurde ein Beruf.
Sie hatte nie in der IT gearbeitet und war misstrauisch gegenüber Cloud-Diensten. Also begann sie, lokale Lösungen zu vergleichen, Datenschutz zu lesen und unsichere Wörter konsequent zu markieren. Ihr erstes Projekt war eine kleine Sammlung von Familienbriefen, bei der KI-Vorschläge neben Originalausschnitten standen. Die Freigabe erfolgte erst nach gemeinsamer Prüfung.
Aktuelle Arbeit
Heute organisiert Maren Digitalisierungsabende in kleinen Archiven. Menschen bringen Dokumente mit, die Gruppe scannt, lässt Vorschläge erzeugen und prüft Zeile für Zeile. Bei einem Schiffsregister erkannte ein System mehrere Namen falsch, weil Salzflecken und alte Tinte die Buchstaben verzogen. Erst ältere Ortskundige fanden die richtige Lesart.
Der Gewinn ist greifbar, aber nicht dramatisch: Archive werden zugänglicher, Ehrenamtliche verlieren die Angst vor Werkzeugen, und unsichere Stellen bleiben sichtbar. Maren wehrt sich gegen die Vorstellung, KI könne Geschichte säubern. Geschichte ist oft gerade dort interessant, wo etwas nicht eindeutig ist.
Persönlicher Rat
„Markiere lieber einen Zweifel zu viel als einen Irrtum zu schön“, sagt Maren. Wer alte Quellen mit KI bearbeitet, sollte die Maschine als Vorleserin behandeln, nicht als Historikerin. Der entscheidende Schritt bleibt die Prüfung am Original.
Schlüsselfakten
Alter und Ort: 67, Lübeck.
Hintergrund: Familienforschung, Ruhestand, ehrenamtliche Kulturarbeit.
Einstieg in KI: Transkription alter Briefe mit sichtbaren Unsicherheiten.
Schwerpunkt heute: KI in lokalen Archiven.
Typische Werkzeuge: Texterkennung, Scans, Quellenkritik.
Werkstattnotiz
In Marens Arbeitsmappe gibt es eine Spalte für Wörter, die sich nicht entscheiden lassen. Sie füllt sie ohne schlechtes Gewissen. Ein maschineller Vorschlag machte einmal aus einem Küstendorf einen Personennamen, weil die Schrift am Zeilenende kippte. Seitdem gilt bei ihr: Das Unlesbare bleibt Teil des Dokuments, bis jemand bessere Gründe hat.