Milan Drago, 28, Philosophiedoktorand und KI-Ethiker

Einleitung

Milan Drago saß in einem Workshop neben zwei Entwicklern, die über „Nutzervertrauen“ sprachen, als wäre es ein Schieberegler. Auf dem Whiteboard stand Genauigkeit, Latenz, Kosten. Milan schrieb darunter: Beschwerde. Die Pause danach war länger als geplant.

Er promoviert in Zürich zu Verantwortung in KI-Systemen und begleitet Produktteams bei ethischen Designfragen. Sein Einstieg kam aus der Philosophie, aber nicht aus der Ferne. Er wollte wissen, an welcher Stelle ein Begriff wie Würde, Fairness oder Autonomie so konkret wird, dass jemand morgen eine Oberfläche anders baut.

Geschichte des Weges in die KI

Im Studium las Milan Texte über autonome Systeme und fand vieles zu abstrakt. Gleichzeitig wirkten manche technischen Debatten, als ließen sich Verantwortung und Haftung in Metriken auflösen. Er begann, zwischen beiden Sprachen zu pendeln. Das machte ihn bei keiner Seite sofort beliebt: Entwicklern war er zu langsam, manchen Geisteswissenschaftlern zu technisch.

Er lernte Grundlagen des maschinellen Lernens, führte Interviews mit Produktteams und übersetzte normative Fragen in Entscheidungspunkte. Sein erstes Projekt war ein Kriterienkatalog für automatisierte Ablehnungen in Verwaltungsprozessen. Beim Test formulierte ein System eine Begründung so sauber, dass sie fair klang, obwohl der eigentliche Entscheidungsweg verborgen blieb. Milan ergänzte deshalb eine Pflicht zur Nachvollziehbarkeit des relevanten Kriteriums, nicht nur der hübschen Erklärung.

Aktuelle Arbeit

Heute arbeitet Milan mit Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, die KI einführen wollen. In einem Projekt zur Leistungsbewertung fragte er nicht zuerst nach Genauigkeit, sondern nach Einspruchsmöglichkeiten: Wer sieht die Bewertung, wer kann sie korrigieren, und was passiert mit Grenzfällen?

Seine Workshops enden selten mit großen Leitbildern. Besser sind kleine Änderungen: ein sichtbarer Beschwerdeweg, eine klarere Begründung, ein Feld für menschliche Prüfung. Milan weiß, dass Ethik dadurch nicht erledigt ist. Aber sie wird aus der Festrede in den Ablauf gezogen, und dort muss sie sich bewähren.

Persönlicher Rat

„Ethik muss so konkret werden, dass ein Entwickler sie nicht wegmoderieren kann“, sagt Milan. Wer aus den Geisteswissenschaften in KI geht, sollte technische Grundlagen lernen, aber die eigenen Fragen nicht weichspülen.

Schlüsselfakten

Alter und Ort: 28, Zürich.
Hintergrund: Philosophie, interdisziplinäre Forschung, Übersetzungsarbeit.
Einstieg in KI: Kriterienkatalog für erklärbare Ablehnungen in Verwaltungsprozessen.
Schwerpunkt heute: verantwortliche KI und Design-Reviews.
Typische Werkzeuge: Ethik-Frameworks, Interviews, Produkt-Workshops.

Werkstattnotiz

Milan sammelt Fälle, in denen Erklärungen zu schön klingen. Eine automatische Ablehnung schrieb einmal „auf Grundlage objektiver Kriterien“, ohne die Kriterien zu nennen. Seitdem prüft er besonders die Wörter, die Streit beruhigen sollen. Manche Formulierungen sind keine Erklärung, sondern Polster um eine unklare Machtentscheidung.