Selin Aras, 30, Lehrerin und Entwicklerin fairer KI-Unterrichtsmaterialien

Einleitung

Selin Aras merkte an einem Montag in der dritten Stunde, dass ein Aufsatz zu glatt war. Kein Rechtschreibfehler, keine schiefe Formulierung, kein Satz, der nach der Schülerin klang. Früher hätte sie den Text einfach als Täuschung behandelt. Diesmal legte sie ihn neben den Roman und fragte die Klasse, was darin eigentlich fehlte.

Selin lebt in Stuttgart und entwickelt Unterrichtsmaterialien für KI in heterogenen Klassen. Ihr Ziel ist kein generelles Verbot und auch kein freies Durchwinken. Sie will Aufgaben, bei denen Denken sichtbar bleibt.

Geschichte des Weges in die KI

In ihrer Schule trafen sehr unterschiedliche Haltungen aufeinander. Einige Eltern forderten klare Verbote, manche Kolleginnen wollten alle Hausaufgaben umstellen, und Schülerinnen nutzten die Tools längst heimlich. Selin fand den moralischen Ton der Debatte zu bequem.

Sie begann mit kleinen Experimenten. Eine Klasse ließ eine KI eine Figurenanalyse schreiben. Die Antwort klang ordentlich, übersah aber eine zentrale Textstelle und erfand eine Motivation, die im Roman nicht belegt war. Aus dem Fehler wurde eine Aufgabe: markieren, prüfen, begründen, neu formulieren. Selin lernte nebenbei Datenschutzgrundlagen, Prompting und Bias-Beispiele, aber ihr wichtigstes Material blieb der Unterricht selbst.

Aktuelle Arbeit

Heute berät Selin Schulen bei Regeln und Aufgabenformaten. Sie entwickelt Einheiten, in denen Lernende KI-Antworten korrigieren, Quellen prüfen und den eigenen Arbeitsweg offenlegen. Bei schwächeren Schülerinnen achtet sie darauf, dass KI Hilfe beim Einstieg bietet, ohne die eigene Stimme zu verschlucken.

Der Fortschritt ist eher atmosphärisch als spektakulär: weniger heimliches Schummeln, mehr Diskussion über Belege, Sprache und Verantwortung. Grenzen zieht Selin klar. Persönliche Daten bleiben draußen, Leistungsbewertung braucht nachvollziehbare Eigenanteile, und kein System entscheidet über das Potenzial eines Kindes.

Persönlicher Rat

„Eine gute Aufgabe überlebt die KI“, sagt Selin. Damit meint sie Aufgaben, in denen Schülerinnen vergleichen, begründen, widersprechen und überarbeiten müssen. Wer nur fertige Antworten abfragt, bekommt irgendwann fertige Antworten. Wer Prozesse prüft, sieht Lernen genauer.

Schlüsselfakten

Alter und Ort: 30, Stuttgart.
Hintergrund: Schule, diverse Lerngruppen, institutionelle Unsicherheit.
Einstieg in KI: Unterrichtsreihen zur Prüfung und Überarbeitung von KI-Antworten.
Schwerpunkt heute: faire KI-Kompetenz in Schulen.
Typische Werkzeuge: Sprachmodelle, Quellenprüfung, Aufgaben-Design.

Werkstattnotiz

Selin bewahrt den ersten glatten Aufsatz anonymisiert auf. Nicht als Beweis gegen eine Schülerin, eher als Messgerät für Aufgaben. Der Text war sauber und leer zugleich. Seitdem prüft sie jede neue Einheit an einer einfachen Frage: Wo muss jemand selbst eine Spur im Material hinterlassen, die kein Modell bequem nachahmt?