Einleitung
Der Text auf dem Prüfungsblatt schwamm nicht wirklich. Trotzdem sah Timo Baumann nach der dritten Zeile nur noch Buchstabeninseln. Später, in der Mensa, ließ er denselben Absatz von einem Vorlesetool sprechen. Die Stimme klang blechern, der Inhalt wurde klarer, und Timo fragte sich zum ersten Mal nicht, warum er langsamer las, sondern warum Hilfsmittel noch immer wie Sonderwünsche behandelt werden.
Heute studiert er in Bern und entwickelt barrierefreie KI-Werkzeuge für Lernende. Seine Perspektive kommt aus einer Schulzeit mit Legasthenie, aus Elternabenden, an denen Nachteilsausgleich erklärt werden musste, und aus der Erfahrung, dass viele Hilfsmittel ohne Betroffene entstehen.
Geschichte des Weges in die KI
Timo nutzte früh Schreib- und Vorleseprogramme. Sie halfen, machten aber auch neue Fehler: Ein Tool korrigierte schweizerische Begriffe in Hochglanzdeutsch, ein anderes ersetzte Fachwörter so stark, dass ein Biologietext harmlos und falsch wurde. Aus der Erleichterung wuchs Misstrauen.
Im ersten Studienjahr begann er mit User-Experience-Design, Sprachmodellen und einfachen Tests. Programmieren lernte er langsam, oft mit denselben Pausen, die er früher bei Schulaufgaben brauchte. Das war unbequem, aber nützlich. Er merkte schneller als andere, wann ein Interface beschämt: rote Markierungen, abschließende Bewertungen, zu viele Korrekturen auf einmal.
Sein erstes Projekt war ein Schreibassistent, der Vorschläge erklärt, statt Sätze still umzubauen. Bei einem Test änderte das Modell eine persönliche Formulierung in einen „professionellen“ Ton und nahm damit die Stimme des Nutzers weg. Danach baute Timo eine Option ein, mit der man den eigenen Ton schützen kann.
Aktuelle Arbeit
Timo arbeitet in einem studentischen Projekt zu inklusiven Lernwerkzeugen. In einem Pilotkurs prüfte sein Team Aufgabenstellungen, die für viele Studierende unnötig schwer waren. Das System machte Alternativfassungen, aber die Dozierenden entschieden, welche Version fachlich sauber blieb.
Die Wirkung ist leise: weniger Nachfragen aus Panik, mehr Verständnis für die eigentliche Aufgabe. Timo nennt das keine Heilung. Barrierefreiheit bleibt Arbeit an Räumen, Regeln und Sprache. KI kann dabei helfen, wenn sie Wahlmöglichkeiten gibt und Unterschiede nicht als Defizit sortiert.
Persönlicher Rat
„Baue Barrierefreiheit nicht an den Rand, sonst bleibt sie dort“, sagt Timo. Für ihn beginnt gute KI bei Tests mit echten Menschen, nicht bei hübschen Durchschnittsnutzern.
Schlüsselfakten
Alter und Ort: 20, Bern.
Hintergrund: Legasthenie, Studium, Erfahrung mit assistiven Lernwerkzeugen.
Einstieg in KI: Schreibassistent, der Korrekturen erklärt und den eigenen Ton respektiert.
Schwerpunkt heute: inklusive Bildungs-KI.
Typische Werkzeuge: Sprachmodelle, UX-Tests, assistive Technologien.
Werkstattnotiz
Timo sammelt Screenshots von gut gemeinten Korrekturen, die Menschen kleiner machen. Besonders heikel sind Sätze wie „Das klingt besser so“. Besser für wen? In seiner Testmappe steht neben jedem Vorschlag eine zweite Frage: Hilft er beim Verstehen, oder trainiert er nur Anpassung?